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Wenn man vergisst, dass man vergisst

Schwerpunkt: Alzheimer/Demenz

Wenn man vergisst, dass man vergisst

Eine frühe Diagnose von Alzheimer ist wichtig, weil Medikamente im Anfangsstadium das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen können. Das Problem: Die Betroffenen selbst bemerken nicht immer, dass mit ihnen etwas nicht stimmt und auch Ärzte erkennen Anzeichen oft zu spät.15.06.2009

Foto: Computergenerierte Nervenzellen
Bei Alzheimer-Demenz sterben die
Nervenzellen im Gehirn ab; © SXC

Eine frühe Diagnose von Alzheimer ist wichtig, weil Medikamente im Anfangsstadium das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen können. Das Problem: Die Betroffenen selbst bemerken nicht immer, dass mit ihnen etwas nicht stimmt und auch Ärzte erkennen Anzeichen oft zu spät.

Früher kraxelte Heinz A.* mit Leidenschaft die Wildspitze in den Ötztaler Alpen hinauf, heute kann sich der 85-Jährige kaum auf den eigenen Beinen halten. Schuld daran ist nicht das hohe Alter, sondern eine tückische Krankheit: Alzheimer. Seine Tochter Hannelore N.* hilft, wo es geht – wenn Heinz A. sich das Hemd zuknöpfen will, Hunger auf ein Butterbrot hat oder zum Arzt muss. Vor vier Jahren wurde bei dem Senioren Demenz festgestellt, näher wurde der Befund aber nicht diagnostiziert. „Ich hatte das Gefühl, der Arzt wollte meinen Vater schnell wieder los werden“, sagt die Tochter.

Vielleicht liegt es am Zeitmangel, vielleicht an fehlendem Interesse, vielleicht werden die Zeichen nicht richtig gedeutet. Fakt ist: Alzheimer wird in deutschen Arztpraxen zu oft zu spät erkannt. Tillmann Supprian fordert deshalb: „Es ist wichtig, weiter über Diagnose und Therapie der Krankheit aufzuklären. Wir müssen uns aufgrund der demographischen Entwicklung darauf einstellen, dass mehr Menschen an Alzheimer erkranken werden.“ Supprian ist Leiter der Abteilung Gerontopsychiatrie an den Rheinischen Kliniken Düsseldorf und aktiv auf dem Gebiet der Alzheimerforschung. Eine späte Diagnose kann dem Patienten zum Verhängnis werden. Auch bei Heinz A. dauerte es zwei Jahre und zahlreiche Arztbesuche bis letztendlich Alzheimer-Demenz festgestellt wurde. Zu spät, denn da habe man im Bild aus dem Computertomographen schon Lücken im Gehirn erkannt, sagt seine Tochter.

Krankheit entsteht schleichend

Der Schwund der Nervenzellen beruht auf einer Störung des Eiweißstoffwechsels im Gehirn. Körpereigene, schädliche Proteine lagern sich auf den Nervenzellen ab. Diese Plaques bilden nach und nach Verklumpungen im Gehirn und zerstören die Nervenzellen. Warum das bei manchen Menschen passiert und bei anderen nicht, wissen Forscher noch nicht. Über eine Million Menschen leiden derzeit in Deutschland an dem schleichenden Gedächtnisverlust. Die Krankheit kann bisher nicht geheilt, aber der Verlauf hinausgezögert werden - wenn sie im Frühstadium diagnostiziert wird.

Schon viele Jahre bevor die Veränderungen im Gehirn in bildgebenden Verfahren sichtbar sind, treten erste Symptome auf. Die können mit psychologischen Tests aufgespürt werden und dann wirken Medikamente noch. Sie verlangsamen den Fortschritt von Alzheimer, indem sie die Gehirnzellen vor den gefährlichen Proteinablagerungen schützen und sie so etwas länger vor der Zerstörung bewahren. Ungefähr ein Jahr kann dazu gewonnen werden. Das bedeutet mehr Lebensqualität für Patient und Angehörige. Allerdings kommen die Tests oft gar nicht zum Einsatz, weil man genau hinsehen muss, um hinter den anfangs diffusen Symptomen Alzheimer zu erkennen: Vergesslichkeit wird meistens mit einem Schulterzucken hingenommen oder als altersbedingt erklärt.

 
 
Foto: Vierecke mit Buchstaben
Wenn die Worte fehlen, könnte
Alzheimer-Demenz der Grund sein;
© Lea M. / Pixelio.de

Aber nicht jede Gedächtnislücke muss zwangsläufig auf Alzheimer hinweisen. „Hohe Blutdruck- oder Cholesterinwerte, ein Mangel an Vitamin B 12 oder eine Depression können die Gedächtnisleistung auch beeinflussen, erfordern aber eine andere Behandlung“, erklärt Anja Schneider, Ärztin an der Gedächtnisambulanz der Universität Göttingen. Typisch für die Alzheimer-Demenz ist eine gestörte Merkfähigkeit, vor allem im Kurzzeitgedächtnis. Den Patienten fallen Worte nicht mehr ein, sie verlaufen sich leicht und können finanzielle Dinge nicht mehr alleine regeln. Wenn Gedächtnisstörungen alltagsrelevant werden – und den Patienten Wörter wie Brot oder Milch nicht mehr einfallen – können das Anzeichen der Hirnerkrankung sein.

„Bei der Früherkennung von Alzheimer spielen die Angehörigen eine wichtige Rolle“, sagt Supprian. Die haben oft Einblick in das Alltagsleben der älteren Menschen. Allerdings halten Betroffene manchmal aus Scham ihre äußere Fassade aufrecht und wirken auf den ersten Blick normal – weil sie die Krankheit geschickt vertuschen oder sie selbst gar nicht bemerken. Auch Hannelore N. erlebte das immer wieder bei ihrem Vater. „Oft reagierte er nur oberflächlich auf eine Frage oder wechselt einfach das Thema“, sagt sie. Und auch heute sei ihr Vater noch der festen Überzeugung, ein rüstiger Mann zu sein.

Hilfe kommt nach Hause

Hilfe auf dem Weg zu einer besseren Früherkennung von Alzheimer kommt aus Düsseldorf. In einem Modellprojekt der Landesinitiative Demenz-Service NRW können Angehörige seit 2004 bei Verdacht auf Alzheimer in der Familie bei einem Netzwerk von Beratungsstellen Hilfe suchen. Dort werden sie über die Symptome der Krankheit informiert und können einen Arztbesuch zu Hause vereinbaren. Ziel ist es, dem Betroffenen entgegenzukommen. „Die Patienten gehen nicht zum Arzt, weil sie sich der Krankheit nicht bewusst sind. Wenn der Arzt aber zu ihnen kommt, sind sie viel eher bereit, sich helfen zu lassen“, sagt Supprian. Und eine ärztliche Untersuchung ist die Voraussetzung für eine Diagnose.

Bisher wurden durch das Projekt 70 Hausbesuche bei Menschen mit Verdacht auf Alzheimer auf den Weg gebracht. Dort werden auch die Angehörigen über unterstützende Maßnahmen unterrichtet, die ihnen helfen, wenn sie sich um ein krankes Familienmitglied kümmern müssen. Sollte sich das Projekt auch nach seiner Testphase bewähren, könnte es sich zu einer Art Jobmotor entwickeln: es müssten mehr Stellen für Ärzte und Sozialarbeiter geschaffen werden, denn den Hausbesuch gibt es immer nur im Doppelpack.

* Name von der Redaktion geändert

Simone Heimann
REHACARE.de

 
 
 

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