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Sex neu erleben
Schwerpunkt: Partnerschaft
Sex neu erleben
01.04.2007
Erotische Erlebnisse und Querschnittlähmung: Das eine schließt das andere nicht aus. Es braucht bloß Zeit und Rat, um herauszufinden, wie körperbehinderte Menschen auch mit ihren Bewegungseinschränkungen Sinnlichkeit erleben können. Hierzu hat REHACARE.de die Sozialpädagogin Nadine Thomas befragt, die in Hamburg beim Verband Autonom Leben e.V. und nebenberuflich seit drei Jahren zum Thema Behinderung und Sexualität berät.
Nadine Thomas berät in Sachen Sex
© Thomas
Frau Thomas, warum ist Sexualität von Menschen mit Behinderungen in der Öffentlichkeit noch immer ein Tabu?
Generell werden Menschen mit Behinderungen immer noch als Randgruppe gesehen. Sie haben noch heute wenig Ansehen in der Gesellschaft, was ganz viel mit Merkmalen wie Leistung, Schönheit und Potenz zu tun hatte. Bis heute werden sie noch häufig als „Neutren“ ohne Anspruch auf Sexualität angesehen. Dadurch fehlt ihnen meist die Selbstfindungsphase in der Pubertät, in der man erste sexuelle Erfahrungen macht – so wie nichtbehinderte Jugendliche. Oft merken Betroffene erst im Erwachsenenalter, dass ihnen etwas fehlt. Ein weiteres Problem ist, dass durch viele Therapien das Bild vom eigenen Körper schlecht ist – so war es bei mir. Immer wurde an mir herumkorrigiert. Alle Ärzte fassen einen an, ohne Grenzen zu berücksichtigen.
Frau Thomas, warum brauchen Betroffene jemanden wie Sie als Beraterin?
Weil es den Betroffenen oft so geht, wie es mir ging: Ich selbst bin von Geburt an körperbehindert und leide an spastischen Bewegungsstörungen. Das Selbstbewusstsein ist durch die Behinderung oft angekratzt und man braucht jemanden, der einem sagen kann, wie man das ändern kann. Ich habe durch Gespräche mit anderen Menschen mit Behinderungen gelernt, mich selbst so zu akzeptieren, wie ich bin. In meiner sechs Monate dauernden Ausbildung zur Sexualberaterin beim Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter in Trebel habe ich mich sowohl mit meiner eigenen Sexualität auseinandergesetzt als auch meine Beratungsfähigkeiten erweitert. Von meinen Erfahrungen profitieren nun die Ratsuchenden. Vor allem kann ich mit meiner Beratung ihre Hemmungen abbauen. Das passiert nicht sofort, sondern geht schon mal über mehrere Sitzungen. Dabei gebe ich den Frauen auch Tipps für weiterführende Workshops oder Bücher. Einige davon zeigen Stellungen zeigen, die bei Querschnittlähmung vorteilhaft sind – wie das Liegen auf der Seite oder das Abstützen der Beine mit Kissen. Durch die Beratung sollen sie angeregt werden, selbst Ideen zu entwickeln.
Wie läuft eine Beratung ab?
Die Beratungen finden telefonisch oder persönlich statt – wenn gewollt auch mehrere Male. Bisher berate ich Frauen. Da greift das Prinzip des peer counseling besser - behinderte Frau berät behinderte Frauen. Zunächst erzählen mir die Ratsuchenden, womit sie Probleme haben und gemeinsam suchen wir dann eine Lösung. Unter anderem zeige ich auch, wie sie sich selbst befriedigen können. Ich gebe ihnen Ratschläge und bei Bedarf erkläre ich, wie Hilfsmittel oder Sexspielzeuge funktionieren.
Auch ein romantisches Essen
regt die Sinne an
© PixelQuelle.de
Welche Probleme haben Körperbehinderte mit ihrer Sexualität?
Bei Querschnittlähmung und Multipler Sklerose ist es meist so, dass die Behinderung erst im Laufe des Lebens eintritt. Mit der neuen Situation müssen die Betroffenen erstmal umgehen lernen. Dabei bauen sich häufig schwere Enttäuschungen und auch Ratlosigkeit auf. Denn gerade im Bereich Sexualität hatten sie vorher keine Schwierigkeiten. Und dann erleben sie plötzlich nach einem Unfall oder bei beginnender Multipler Sklerose, dass es nicht mehr so geht wie vorher. Dadurch sinkt ihr Selbstwertgefühl. Und Probleme mit dem Partner können entstehen.
Was können die Betroffenen dann tun?
Bei allen Krisen sollten die Partner im Gespräch bleiben. Sie sollten sich austauschen über Erwartungen und was sie tun können oder nicht. Sonst sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Der Betroffene muss sich auch trauen zu sagen: „Du, es geht nicht mehr so wie früher, aber ich hab dich trotzdem lieb.“ Wenn man sich da nicht austauscht, kann es schnell zu Frustrationen kommen. Ich rate ihnen auch, alles auszuprobieren und herauszufinden, was ihnen gefällt. Beispielsweise erkläre ich hier, dass die Fantasie auch die Sinnlichkeit anregt und so auch Berührungen ohne Sex erotisch sein können, wenn man sich gegenseitig eincremt oder bei einem romantischen Essen flirtet. Auf alle Fälle sollten sich Paare viel Zeit nehmen und Alternativen zum bisher Bekannten finden.
Was kostet die Beratung?
Meine Beratung für Frauen beim Verband Autonom Leben e.V. ist zur Zeit kostenlos. Sie wird durch das Hamburger Spendenparlament gesponsert. Ansonsten nehme ich ein Honorar zwischen 20 und 50 Euro, ja nach Absprache. Ich suche aber weitere Verbände, bei denen ich beraten kann, damit den Kunden keine Kosten entstehen.
Wie beeinträchtigt es eine Beziehung, wenn der Partner auch Pfleger ist?
Wenn der Betroffene vom Partner gepflegt wird, müssen beide sehen, ob das in Ordnung ist oder eine Belastung darstellt. Es ist schwierig, Pflege und Berührungen zu trennen. Da gehört viel Selbstdisziplin dazu. Wenn die Pflege das Partnerschaftliche übertönt, besteht die Gefahr, dass ganz viel vom Sexualleben abhanden kommt. Um das zu verhindern, könnte man beispielsweise eine externe Pflegekraft hinzuholen. Dann ist der Partner nicht jeden Morgen mit der Pflege beschäftigt und der Pflegeaspekt tritt nach hinten. So kann das Paar die gemeinsame Zeit genießen und herausfinden, wie trotz Windeln für Inkontinenz und anderen Einschränkungen das Sexualleben weitergeht.
Einfach mal die Fantasie spielen
lassen; © PixelQuelle.de
Wie können Menschen ohne Partner ihre Sexualität ausleben?
Ich ermutige zur Selbstbefriedigung. Betroffene müssen herausfinden, wie sie diese selbst ausüben können. Dazu gehört auch, dass sie sich beispielsweise durch Fantasien, Filme oder durch Lesungen von erotischen Texten sinnliche Erlebnisse schaffen. Eine weitere Möglichkeit ist die heftig diskutierte Sexualbegleitung. Betroffene erhalten dort von professionell vorbereiteten Personen körperliche Zärtlichkeiten wie erotische Massagen. Von Kritikern wird das oft mit Prostitution gleichgesetzt. Ich kenne die Begleitung aber so, dass Sex meist ausgeklammert wird. Es geht mehr darum, dass der Behinderte erkennt: „Mein Körper ist ja gar nicht so schrecklich. Den kann man ja doch anfassen.“ Oder dass er sieht, wie er sich selbst befriedigen kann.
Gibt es spezielle Hilfsmittel für Menschen mit Querschnittlähmung?
Es gibt die ganz normalen Sexspielzeuge, die jeder im Internet ungestört suchen und ansehen kann. Da allein bekommt man schon viele Ideen. Die Betroffenen können überlegen, wie sie sich etwas bauen können, mit Kissen oder Kisten, woran sie ein solches Spielzeug befestigen, damit sie es ohne fremde Hilfe nutzen können, wie etwa einen Dildo. Oder sie trauen sich, jemanden zu bitten so etwas aufzubauen – die Schamgrenze ist da natürlich hoch.
Was raten Sie Menschen mit Querschnittlähmung für eine erfüllte Sexualität?
Sie sollen Behinderung und Sexualität nicht als Tabuthemen oder Katastrophen sehen. Und mit dem Partner sprechen. Die Sexualberatung und die Sexualbegleitung können vermitteln: „Hey, ich bin nicht nur ein verkrüppelter Körper, sondern ich bin auch schön.“
REHACARE.de
- Mehr über Nadine Thomas unter: www.hilfe-z-s-leben.de
- Mehr zum Verband Autonom Leben e.V in Hamburg unter: www.autonomleben.de/
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