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Rolli unterm Regenbogen
Schwerpunkt: Partnerschaft
Rolli unterm Regenbogen
Irgendwie sitzen sie überall zwischen den Stühlen: behinderte Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben, stoßen auf Vorurteile und Ausgrenzung von allen Seiten. Umso besser, wenn sie wissen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind.
01.08.2008
Corrie Peters zeigt mit seinem
regenbogenfarben Rollstuhl, dass er
Männer liebt. © Peters
„Ich bin Spastiker, solange ich denken kann. Für mich ist das normal“, erklärt Corrie Peters (44). Und dass er nicht auf Frauen, sondern auf Männer steht, war ihm schon mit 14 klar. Für ihn ist das kein Ding, für Außenstehende schon. „Ich denke, ich gehöre zu einer Randgruppe in einer Randgruppe. Zum einen sehe ich mich als Spastiker nicht gerade im Zentrum des Interesses in der Schwulen- und Lesben-Szene. Gleichzeitig entspreche ich als Schwuler nicht der begehrten Norm unter Behinderten.“
Die Klischees und Vorurteile gegenüber beiden Lebensformen sind vielfältig. Behinderte Menschen, ob nun Frau oder Mann, werden von Nichtbehinderten oft als asexuell betrachtet. Im Behindertenbereich selbst wird das gesamte Thema Sexualität selten angesprochen und erst recht die Liebe zum gleichen Geschlecht. In der Schwulen- und Lesbenszene entsprechen die behinderten Menschen nicht der gängigen Schönheitsvorstellung. Dementsprechend gering ist das allgemeine Interesse an ihnen und ihren Bedürfnissen – sie werden ausgegrenzt, ob sie wollen oder nicht.
„Es gibt so gut wie keine Informationsquellen für Behinderte mit gleichgeschlechtlicher Orientierung– und erst recht keine barrierefreien, wie beispielsweise Hörmedien für Sehbehinderte“, kritisiert Thomas Rattay. Der Sexualberater und -pädagoge berät unter anderem schwule und lesbische Jugendliche mit Handicap in der Beratungsstelle Nasowas des Jugendnetzwerks Lambda in Schleswig-Holstein. Es fehlt an Aufklärung in den Schulen und an Anlaufstellen. Dabei könnten den Betroffenen durch mehr Information einige Situationen leichter fallen. Eine davon ist das so genannte Coming-out.
Wie sag ich’s meinen Eltern?
Obwohl Corrie schon seit 30 Jahren wusste, dass er Männer liebt, hat er es seinem Vater erst vor vier Jahren erzählt. „Er war sehr geschockt und hat ein Jahr gebraucht, meinem Freund zu begegnen.“ Für viele ist das Coming-out der schwerste Schritt überhaupt. „Bei den meisten ist die Angst vordergründig, wie die Eltern oder Freunde wohl reagieren, wenn sie das erfahren“, erklärt Rattay. Gerade davor haben die Menschen mit Handicap, die auf Assistenz angewiesen sind, besonders viel Angst. Für sie sei die Hemmschwelle größer, einfach zu den Eltern oder dem Betreuer zu sagen: „So ist das, und wenn es dir nicht passt, dann geh“, weil sie von ihnen abhängig sind.
Corrie hat sich sein persönliches Umfeld so eingerichtet, dass nur Assistenten für ihn da sind, die mit seiner sexuellen Orientierung kein Problem haben. Denn da, wo er akzeptiert wird, wie er ist, fühlt er sich am wohlsten. Allerdings kennt er auch andere Fälle: „Eine Frau, die in einem Behindertenwohnheim lebt, berichtet, dass sie sich aus Angst vor negativen Reaktionen Ausreden einfallen lassen muss, um zu unserem wöchentlichen Treffen der Gruppe Richtig Am Rand zu kommen.“ Deshalb fordert er Leitbilder in Behinderteneinrichtungen, die Offenheit und Toleranz für ein Leben nach eigenen Vorstellungen signalisieren, auch wenn es um das Thema Liebe und Sexualität gehe. Denn „solange das Thema Sexualität totgeschwiegen wird, werden wir es schwer haben, Homosexualität zum Thema zu machen“, betont er.
Stellung der homosexuellen und behinderten Menschen wandelt sich
„Dass Schwule und Lesben ausgegrenzt werden, hat historische Gründe“, erklärt der Sexualberater Rattay. Erst nach und nach wandeln sich die gesellschaftliche Vorstellung und auch das Selbstverständnis beider Gruppen. „Noch vor 30 Jahren hätte sich niemand für schwule oder lesbische Menschen mit Behinderung interessiert“, so Rattay. Die Kirche beispielsweise tut sich seit jeher schwer mit Homosexualität, während der Nazizeit wurden unzählige homosexuelle und behinderte Menschen umgebracht.
Erst nach der Frauenbewegung, der 68er-Revolution und der „Krüppelbewegung“ kamen Zentren für selbstbestimmtes Leben für behinderte Menschen und auch für Schwule und Lesben zustande. „Dadurch haben sich sowohl Menschen mit Behinderung als auch Homosexuelle öffentlicher gemacht. Ebenso wird heute auf politischer Ebene mehr auf sie geachtet – wenn man allein schon das Gleichstellungsgesetz beachtet“, erklärt Rattay.
Immer mehr Selbsthilfegruppen werden gegründet. Auch das Internet hat es den schwulen und lesbischen Menschen mit Behinderung leichter gemacht, sich zu informieren und andere Gleichgesinnte zu treffen. Über Foren im Internet erfahren sie, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein dastehen. Deshalb ermuntern Corrie Peters und Thomas Rattay dazu, sich mit anderen schwulen und lesbischen Behinderten auszutauschen.
Natascha Mörs
REHACARE.de
Hier sind einige hilfreiche Foren und Informationsquellen:
- Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender: www.queerhandicap.de
- Lambda - Bundesweites Jugendnetzwerk für junge Lesben und Schwule: www.lambda-online.de
- Für Lesben: www.lesarion.de
- Für Schwule: www.gayromeo.de
- Pro familia - Für selbstbestimmte Sexualität: www.profamilia.de
- In seinem Buch „Volle Fahrt voraus“ interviewt Thomas Rattay schwule und lesbische Menschen mit Behinderung, sowie Eltern, zu ihren Erfahrungen.












