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Camping: Natur erfahren

Schwerpunkt: Reisen

Camping: Natur erfahren

Dieser Beitrag wird Ihnen vom Magazin Paraplegiker mit freundlicher Genehmigung der MVS Medizinverlage Stuttgart präsentiert.

 
 

Ob fernes Ziel, Kurztrip oder einfach eine Fahrt ins Blaue – Camping bietet auch für Querschnittgelähmte Erholung im Einklang mit der Natur. Fakten, Begebenheiten und Eindrücke zum Camping im Rollstuhl.

01.05.2008

 
 

Camping ohne Grillen ist wie Winter
ohne Schnee © 110stefan/pixelio

Campen ist ein Lebensgefühl. Schon zu Kinderzeiten fühlt sich die Lagerfeuerromantik wie ein einzigartiges, ja ursprüngliches Erlebnis an. Den Grill am Claim, die frische Luft um die Nase und das ungezwungene Miteinander in der Natur. Das kann Leben pur sein. Kaum ein Urlaub wird die Verlockungen der Natur so augenscheinlich ins Gefühl transportieren wie das Camping. Ob mit dem Wohnwagen, einem Reisemobil oder dem eigenen PKW samt Zelt – diese Ferien warten in vielerlei Hinsicht mit Reizen auf. Sie haben eine Behinderung, die sehr individuell zu sehen ist? Sie haben Bedürfnisse, die ohne feste Gegebenheiten kaum realisierbar erscheinen? Rolli-Camper wissen, dass fast alles möglich ist.

 
 

Das Wohnmobil bietet viel Platz
für Rollifahrer auf Tour
© Ginover/pixelio

„Bleiben, wo es mir gefällt“

Bärbel Wilkes zieht das Campen schon lange den Hotelurlauben vor. „Ich möchte alles so mitnehmen, wie ich es benötige, und dann vor Ort sehen, wo es uns gefällt“, sagt die 45 Jahre junge Frau, die seit 1982 querschnittgelähmt ist (Th 12) und mit ihrem Mann die Campingurlaube verbringt. Nach einigen Sommern in Südfrankreich zieht es sie jetzt verstärkt nach Kroatien, verlängerte Wochenenden werden in Holland verbracht. Die vielen Städtereisen können kaum aufgezählt werden. Ihr Fazit nach 20 Jahren Wohnmobilferien: „Ich könnte mir keinen schöneren Urlaub vorstellen, denn viele Dinge sieht man auch unterwegs“.

Das Reisen im Wohnmobil macht sie in der Urlaubsplanung spontan. „Wir brauchen nur frische Lebensmittel einkaufen, unsere Kleidung in die Schränke räumen und schon können wir losfahren. Das gibt mir ein Gefühl von Unabhängigkeit. Ich glaube nicht, dass ich ohne unser Wohnmobil so viel gesehen und erlebt hätte.“

Was hab ich? Was kann ich? Was will ich?

Eines ist klar: Die persönlichen Bedürfnisse sollten erfüllt sein, um das Reisen angenehm und problemlos bewältigen zu können. Grundsätzlich gilt: Individualität ist Trumpf. Jeder Rollifahrer hat seine ureigenen Ansprüche und sollte sich sein Gefährt entsprechend einrichten lassen. Hohe Anschaffungskosten, vor allem bei Reise- und Wohnmobilen, bedürfen einer klugen Planung. „Alternative Wege zur finanziellen Realisierung könnten eine Möglichkeit sein“, sagt Rolf Ramspeck, der einen Betrieb für individuellen Fahrzeugausbau hat. Mehrere Teilhaber könnten sich dabei finanziell verbinden. Ein Objekt würde so ökonomisch genutzt und könnte auch in der privaten Vermietung seinen Gewinn „erfahren“. Den Umbau eines bestehenden Objektes empfindet er übrigens komplizierter und kostenintensiver als den individuellen Bau von Anfang an.

 
 

Mit dem Wohnwagen Urlaub direkt
am Strand © ro18ger/pixelio

Auch die preisgünstigere Variante Wohnwagen hat ihre Vorzüge. Dieter Fuchs hat sich einen solchen gekauft und nach seinen Wünschen umbauen lassen. Für den 65-jährigen war klar: „Keine Kompromisse bei der behindertengerechten Ausstattung.“ Ein Wohnmobil schied für den querschnittgelähmten Rollstuhlfahrer aus, da er auf die Mobilität mit seinem PKW im Zielgebiet nicht verzichten wollte.

 
 

1,2,3 aufgebaut: Zelten, wo gerade
Platz ist © magicpen/pixelio

Kurztrips, Lebenskunst und der Klassiker Zelt

Pragmatischer sieht und lebt Rudi Weber das Camping. „Das Campen ist der Verzicht auf den gewohnten Luxus im Alltag“, sagt der 45-jährige Rollstuhlfahrer mit Muskelatrophie. 1980 war er mit seiner Frau samt PKW, Zelt und Isomatte im ehemaligen Jugoslawien unterwegs. „Als es dunkel wurde und wir noch keinen Schlafplatz gefunden hatten, zerteilte ein Bauer für uns sein Stroh auf dem Feld und wir hatten einen wunderbaren Platz unter dem Himmelszelt.“

Auch für Tertraplegiker Christian Riedel, mit Läsion C 5/6 inkomplett sensibel, gehören „unerfahrene“ Momente zum spannenden Freizeitleben. Trotz seiner relativ hohen Lähmung ist der 36-jährige mindestens einmal im Jahr mit seinen „Fußgänger-Freunden“ an einem See unterwegs, ein anderes mal verschlägt es ihn zum Großonkel an die kroatische Küste der Adria, ohne Strom und fließendem Wasser. „Zwei Wochen ohne Fernseher, Computer und desgleichen“, freut er sich und fügt schmunzelnd an, dass „abends natürlich der Slivovic nicht fehlen darf“. Vor seinem Badeunfall 1996 war ihm das Campen aufgrund der finanziellen Lage nur mit dem Zelt möglich. Auch wenn er es sich heute komfortabler leisten könnte, ist er auf der alten Schiene geblieben und übernachtet in einem Planwagenanhänger mit seiner normalen Matratze von zuhause. So einfach kann das Leben sein. Urlaube auf Campingplätzen findet er „einfach nur gut, da man offene und zugängliche Menschen kennen lernt, die nicht darauf bedacht sind, hübsch und gestriegelt am Buffet zu stehen.“

Campingplätze – rollstuhlgerecht?

Apropos Campingplätze. Bezüglich rollstuhlgerechter Begebenheiten bieten die Campingführer des ADAC und DCC eine gute Orientierungshilfe. Zumindest die behindertengerechten Sanitärausstattungen erfüllten die Erwartungen der Rolli-Camper öfter als in gesehenen Hotelunterkünften. Etwas differenzierter sieht dies Johann Kreiter, leidenschaftlicher Rollicamper, Kamelhalter auf der Titelseite dieser Ausgabe und Schulungsleiter des Projekts „Gastfreundschaft für Alle“ des „Aktive Behinderte Stuttgart e.V“. Er empfindet nur wenige Plätze als wirklich behindertengerecht, „auch wenn die Campingführer zahlreichen Orten das Symbol ‚Behindertengerecht’ verleihen“. Zu einem behindertengerechten Platz gehört mehr als nur barrierefreie Sanitärräume“, sagt der zielstrebige Begutachter und erinnert daran, „dass es einem Rollifahrer wenig hilft, wenn das Restaurant behindertenfreundlich, der Weg dorthin jedoch geschottert ist“. Vorabrecherchen seien demnach unabdingbar, würden bei einer organisierten Suche jedoch zum Erfolg führen.

Anekdoten zu allen Campingreisen könnten letztlich viele erzählt werden – die eigenen Erlebnisse ersetzen können sie allerdings nie. Also auf zu Ländern, Menschen und Abenteuern. Auf das die Lagerfeuerromantik wieder entflammt.

© Jan-Henrik Schultz