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"Jedes Kind muss seinen eigenen Weg gehen" – Interview über ein ungleiches Geschwisterpaar
Schwerpunkt: Down-Syndrom
"Jedes Kind muss seinen eigenen Weg gehen" – Interview über ein ungleiches Geschwisterpaar
Er hat das Down-Syndrom und sie ist hochbegabt. Ein Geschwisterpärchen, wie es unterschiedlicher nicht sein könnte: der achtjährige Thomas und die vierjährige Cosima sind anders als andere Kinder. Wie das Zusammenleben mit so ungleichen Kindern aussieht, erfuhr REHACARE.de von der Mutter der beiden, Anita Kinle.
01.12.2007
Ungewöhnliche Kinder aber
typische Geschwister: Tho-
mas und Cosima; © Kinle
REHACARE.de: Frau Kinle, wissen ihre Kinder, dass sie recht unterschiedlich sind?
Anita Kinle: Thomas merkt noch nicht, dass Cosima hochbegabt ist. Sie ist noch nicht auf seinem Stand – und er liebt seine kleine Schwester abgöttisch. Cosima dagegen hat schon mit einem Jahr gemerkt, dass Thomas anders ist – dann hat sie ihn manchmal angesehen, als mache sie sich Sorgen um ihn. Sie spürt, dass er eingeschränkte Fähigkeiten hat.
REHACARE.de: Wie reagieren Sie dann?
Kinle: Wenn ich merke, dass Cosima sich um ihren Bruder sorgt, erkläre ich ihr, dass ich die Große bin und mich um ihn kümmere. Wir sprechen ganz offen über solche Gefühle. Und dann ist sie auch wieder beruhigt.
REHACARE.de: Werden die beiden besonders gefördert?
Kinle: Thomas geht in die erste Klasse einer Regelschule für Sehbehinderte, denn er sieht nur 15 Prozent. Cosima besucht seit kurzem einen Kindergarten für Hochbegabte. Im normalen Kindergarten war sie unterfordert. Jetzt lebt sie richtig auf.
REHACARE.de: In welchen Dingen sind die beiden verschieden?
Kinle: Sie haben völlig unterschiedliche Interessen. Cosima bastelt gerne und ist kreativ, singt gern und baut Sachen auseinander und zusammen. Und sie ist begeistert von Fremdsprachen. Thomas ist ein totaler Computerfan – er liest, rechnet und schreibt mit Spielsoftware. Dahin zieht er sich auch schon einmal zurück, wenn er beim Spielen mit anderen Kindern nicht hinterherkommt, zum Beispiel bei Laufspielen.
REHACARE.de: Haben die beiden Probleme, sich mit anderen Kindern anzufreunden?
Kinle: Nein. Beide haben Freunde. Die Nachbarskinder haben Thomas sogar beim Laufen lernen angefeuert.
REHACARE.de: Ernten die zwei schon mal komische Blicke, wenn sie zusammen spielen?
Kinle: Cosima wird nicht angestarrt. Thomas manchmal, wenn ihn fremde Kinder außerhalb unserer gewohnten Umgebung sehen. Wenn sie immer weiter gucken, erkläre ich auch schon einmal, was mit ihm los ist. Eigentlich habe ich die skeptischeren Blicke eingefangen, als ich mit Cosima schwanger war. Leute stellten mir oft unmögliche Fragen, ob ich denn schon wisse, dass das zweite Kind in Ordnung ist oder ob ich eine Fruchtwasseruntersuchung gemacht habe. Als hätte das etwas daran geändert, dass ich das Kind austragen würde.
REHACARE.de: Glauben Sie, Ihre Kinder verhalten sich anders als „normale“ Geschwister?
Kinle: Kaum. Sie spielen auch miteinander, am liebsten Rollenspiele. Zurzeit hat immer jemand Geburtstag – also ihre Puppen auch. Aber sie kämpfen auch um alles, sogar die Zahnpasta - typisch Geschwister halt.
REHACARE.de: Als Eltern hat man bei solch unterschiedlichen Temperamenten sicher alle Hände voll zu tun.
Kinle: Man wächst in die Aufgabe rein. Am schwersten war es eigentlich, als Thomas zu Welt kam. Man muss so viel beachten bei einem Kind mit Down-Syndrom. Dafür haben wir viele Schulungen mitgemacht. Zu Hause ist es uns wichtig, dass jedes unserer Kinder täglich eine Extrazeit bekommt – eine Zeit, in der wir Eltern uns nur mit einem von ihnen beschäftigen.
REHACARE.de: Glauben Sie, ihre Kinder werden immer so gut miteinander auskommen?
Kinle: Ich denke, es wird erst schwer werden, wenn Cosima beispielsweise anfängt, Freunde mit nach Hause zu bringen und Thomas die Tür vor der Nase zuschlägt. Ich bin nicht sicher, ob er das dann verstehen wird.
REHACARE.de: Was sind die beiden eher: Feuer und Wasser oder Pech und Schwefel?
Kinle: Mmh. Sie sind schon sehr unterschiedlich. Aber letzten Endes würde ich sagen, sie sind wie Pech und Schwefel.
REHACARE.de: Gibt es einen Rat, den sie Eltern mit einem behinderten und nichtbehinderten Kind mit auf den Weg geben möchten?
Kinle:Jedes Kind muss seinen eigenen Weg gehen können, sich nicht um das behinderte Kind sorgen müssen. In der Familie sollte man offen miteinander umgehen und den Kleinen Dinge erklären, die sie nicht verstehen.
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