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Gehörloser Bankberater: „Ich bekomme Anfragen aus ganz Deutschland“

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Gehörloser Bankberater: „Ich bekomme Anfragen aus ganz Deutschland“

Mitten in der Kundenhalle der Bank sitzt Robert Davis unter dem Symbolschild für Gehörlose. Er ist Deutschlands einziger Bankberater, der seine Kunden in Gebärdensprache berät und selbst gehörlos ist. Mit Hörenden spricht er in gewohnter Lautsprache und liest von ihren Lippen ab.

01.03.2011

 
 
Foto: Robert Davis kommuniziert in Gebärdensprache
Robert Davis legt großen Wert auf
persönliche Kundengespräche vor
Ort; © Commerzbank AG

REHACARE.de traf den 51-jährigen gebürtigen Briten an seinem Arbeitsplatz in der Commerzbank Düsseldorf und sprach mit ihm über deutschlandweite Anfragen, erfundene Gebärden und zusätzliche Arbeit.

REHACARE.de: Herr Davis, Bausparen, Kontoführung oder Vorsorge – Sie beraten ihre gehörlosen Kunden inmitten der großen Kassenhalle in Gebärdensprache. Warum braucht man Arbeitsplätze wie Ihren?

Robert Davis: Die Bank ist für Kunden ein intimer Bereich. Es geht bei solchen Beratungsgesprächen auch mal um Schulden oder andere sehr private Themen. Da möchte ja selten jemand einen Dritten dabei haben. Gehörlose müssen für solche Beratungsgespräche normalerweise einen Gebärdendolmetscher beantragen, aber es dauert teilweise mehrere Wochen, bis einer zur Verfügung steht. Durch mich fällt dieser Zwischenmann nun weg. So kann ich viel leichter das Vertrauen zum Kunden aufbauen.

REHACARE.de: Wie gut nehmen die Kunden dieses außergewöhnliche Beratungsangebot an?

Davis: Wenn ich morgens meinen Laptop einschalte, erscheinen direkt zahlreiche Kundenanfragen auf meinem Bildschirm. Viele nehmen per Email oder SMS Kontakt zu mir auf. Zusätzlich berate ich auch per Bildtelefon. Dadurch bekomme ich sogar Anfragen aus ganz Deutschland. Inzwischen betreue ich etwa 500 Kunden deutschlandweit. Tendenz steigend.

REHACARE.de: SMS, Email, Bildtelefon – braucht man dann überhaupt noch die persönliche Beratung vor Ort?

Davis: Der Kontakt per SMS oder Email ist in meinen Augen eine sehr kalte und unpersönliche Beratung. Da kann man Dinge auch schnell falsch verstehen. Deswegen sind mir die persönlichen Gespräche hier in der Filiale am liebsten. Immerhin machen Mimik und Körpersprache doch einen großen Teil der Gebärdensprache aus. So direkt kann ich viel besser nachvollziehen, ob mir mein Gegenüber folgen kann und ob er alles versteht, was ich sage.

 
 
Foto: R. Davis zeigt die Gebärdenabfolge für "Riester-Rente"
Für die Riester-Rente musste erst eine Kombination von Gebärden erfunden werden - die Frisur des Namensgebers bildet einen Bestandteil; © Commerzbank AG

REHACARE.de: Abgeltungssteuer oder vermögenswirksame Leistungen – im Bankwesen gibt es viele Fachausdrücke. Müssen Sie sich die Gebärden dafür neu ausdenken?

Davis: Es gibt zwar für viele Begriffe vermehrt standardisierte Gebärden, aber anfangs muss man die Dinge entweder buchstabieren oder aber sich Gebärden ausdenken.

REHACARE.de: Zum Beispiel?

Davis: Als die Riester-Rente Thema wurde, haben wir anfangs immer die Gebärde für den Buchstaben „R“ und die Gebärde für Rente miteinander kombiniert. Irgendwann fragte mich ein Kunde nach einer neuen Rente. Er führte seine Hand an den Kopf als würde er eine Frisur andeuten und verwendete dann die Gebärde für Rente. Ich habe daraufhin viel recherchiert und herum gefragt, ob meine Kollegen die Frisur- oder Friseur-Rente kennen würden. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich herausfand, dass der Kunde die Riester-Rente meinte. Die Gebärde sollte die Frisur vom Namensgeber der Rente andeuten.

REHACARE.de: Bevor Sie diese Position als Bankberater hatten, haben Sie als Börsenmakler gearbeitet. Dann haben Sie zunehmend Ihr Gehör verloren.

Davis: Ja, aufgrund eines Infektes verlor ich vor etwa zehn, elf Jahren zunehmend mein Hörvermögen. Als Börsenhändler waren Zahlen das A und O für mich. Aber ich hatte immer häufiger Probleme, die Zahlen am Telefon zu verstehen. Ich habe mit Millionenbeträgen für meine Kunden jongliert, und nachts lag ich dann wach, weil ich mir Sorgen machte, ich hätte Zahlen verwechselt. Der Arzt stellte dann einen gutartigen Tumor fest. Es folgten zahlreiche Operationen, später ließ ich mir ein Cochlear Implantat einsetzen. Seit etwa zwei Jahren bin ich nun komplett gehörlos.

 
 
Foto: Gebärde für den Begriff "Aktien"
Gebärden für Begriffe wie "Aktien"
sind inzwischen standardisiert;
© Commerzbank AG

REHACARE.de: Wie fühlt es sich jetzt für Sie an, in einer Welt fast ohne Töne und Geräusche zu leben?

Davis: Am meisten vermisse ich das Lachen von Kindern. Aber das Implantat ist trotzdem ein Wunder der Technik. Allerdings nehme ich dadurch nun so viele Geräusche wahr, dass ich Probleme habe, sie zu verarbeiten. Da prallen tiefe und hohe Töne aufeinander. Sie treffen sich in der Mitte und dann entsteht Chaos.

REHACARE.de: Was genau können Sie denn noch wahrnehmen?

Davis: Ich kann viele Geräusche des Alltags hören, aber ich kann sie nicht logisch zuordnen. Alltägliche Geräusche wie Flugzeuge, Fleisch, das in der Pfanne brutzelt, oder einen Wasserkocher kann ich nicht erkennen. Um zu verstehen, was da an mein Ohr dringt, muss ich die Dinge hören und sehen.

REHACARE.de: Sie engagieren sich sehr für gehörlose Menschen. Zusätzlich zu Ihrem Job in der Bank gehen Sie auch in Schulen, um dort für mehr Akzeptanz zu werben.

Davis: Richtig. Egal ob Kita oder Berufsschule – ich versuche die Kinder und Jugendlichen für die Gebärdensprache zu begeistern. Wir spielen Spiele wie Stille Post mit Gebärden oder sie müssen einfach verschiedene Gebärden erraten. In Schulen für Gehörgeschädigte gebe ich aber auch Unterricht zu dem Themen Online-Banking oder Finanzen allgemein. Es ist mir wichtig, nicht nur für Verständnis auf Seiten der Hörenden zu sorgen, sondern auch die Gehörlosen in ihrer Selbstständigkeit zu stärken und sie selbstbewusster zu machen.

 
 
Foto: Robert Davis vor grünem Symbolschild für Gehörlose
Das grüne durchgestrichene Ohr
weist die Kunden direkt auf Davis'
Arbeitsplatz hin;
© Commerzbank AG

REHACARE.de: Warum ist das so wichtig?

Davis: Früher war ich selbstständig, heute bin ich durch den Hörverlust abhängig. Doch gerade in Bezug auf Bankgeschäfte ist es wichtig, dass man eigene Entscheidungen treffen kann – ohne die Hilfe von anderen. Deswegen versuche ich zu helfen, wo ich nur kann. Kunden kommen auch manchmal auf mich zu und benötigen Hilfe beim Autokauf oder sie suchen einen Arzt, der ebenfalls Gebärdensprache spricht. Da bin ich gerne bereit, auch mal mehr zu tun und zu vermitteln.

REHACARE.de: Was macht Sie und Ihren Beruf so einzigartig?

Davis: Ich habe einen auffällig gekennzeichneten Arbeitsplatz mitten in der Kassenhalle. Das hat vor allem einen Sinn: Ich möchte als Gehörloser sichtbar sein! Ansonsten unterscheidet mich nicht viel von den Kollegen. Der Mund ist meine Informationsquelle. Und was andere mit ihrer Stimme machen, mache ich mit den Händen.

Dieses Interview führte Nadine Lormis.
REHACARE.de

 
 

Kontaktdaten Robert Davis

Sie haben Fragen und möchten sich von Robert Davis beraten lassen? So können Sie mit ihm Kontakt aufnehmen:

Blackberry: +49 (0) 172 294 74 48
Email: Rob.Davis@commerzbank.com

 
 
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