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Pflegeeltern von Kindern mit Handicap: „Sie haben keine Berührungsängste und wissen, was sie erwartet“
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Pflegeeltern von Kindern mit Handicap: „Sie haben keine Berührungsängste und wissen, was sie erwartet“
Sie geben Geborgenheit, Wärme und Liebe. Pflegeeltern für Kinder mit Behinderungen unterscheiden sich kaum von leiblichen Eltern. Doch wie finden die Familien zueinander? Eine Vermittlungsstelle hilft deutschlandweit, chronisch kranke und behinderte Kinder in liebevolle Hände zu geben.
01.11.2011
Annette Eichhorn; © Diakonie
Düsseldorf
Annette Eichhorn ist Sachgebietsleiterin beim Zentralen Fachdienst für Pflegekinder mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen der Diakonie Düsseldorf. REHACARE.de sprach mit ihr über langfristige Unterstützung, den Aufbau von Netzwerken und Nestwärme.
REHACARE.de: Chronisch kranke oder behinderte Kinder als Pflegekind aufzunehmen, bedeutet eine große zeitliche und kräftemäßige Beanspruchung. Frau Eichhorn, aus welchen Gründen bewerben sich trotzdem viele Menschen bei Ihnen als Pflegefamilien?
Annette Eichhorn: Als Erstes kann ich wohl mit einem recht weitverbreiteten Klischee aufräumen: Es ist nicht das kinderlose Paar, das sich bei uns meldet. Viel mehr ist es so, dass die Pflegeeltern oft schon Kontakt mit behinderten oder chronisch kranken Kindern hatten, sei es beruflich oder im familiären Umkreis. Sie haben also keine Berührungsängste und wissen, was sie erwartet – in jeglicher Hinsicht. Die leiblichen Kinder der Pflegeeltern sind meist schon erwachsen und außer Haus. Für viele Familien geht es bei dieser Entscheidung vor allem um Sinnstiftung.
REHACARE.de: Welche Anforderungen muss eine potenzielle Pflegefamilie erfüllen?
Eichhorn: Grundsätzlich sind alle möglichen familiären Lebensformen denkbar. Wichtig ist uns bei der Vermittlung, dass nicht mehr als zwei behinderte Pflegekinder in einer Familie sind, da die Betreuung viel Zeit in Anspruch nimmt. Außerdem darf das Geld, das die Familien zur Unterstützung bekommen, nicht wichtig für die Existenz der Familie sein. Sie muss also unabhängig davon ein gesichertes Einkommen haben. Die Familie muss ausreichende pädagogische und soziale Kompetenzen haben. Optimalerweise sind gute soziale Netzwerke vorhanden. Die Grundvoraussetzung ist es, dem Kind eine verlässliche Bindung und emotionale Wärme zu geben.

Potenzielle Pflegeeltern müssen zahlreiche Auflagen erfüllen und im Gespräch mit den Fachkräften der Vermittlungsstelle überzeugen; © Erwin Wodicka/panthermedia.net
REHACARE.de: Sollten die Familien auch medizinische und pflegerische Kenntnisse haben?
Eichhorn: Das kommt immer auf die Behinderung an. Ich vermittele zurzeit einen fünfjährigen Jungen, der dauerbeatmet wird. Wenn alles klappt, wird er bald zu einer Familie kommen, die auf dem Land wohnt. Die Mutter ist Kinderkrankenschwester und hat so das nötige medizinische Wissen, um den Jungen optimal zu betreuen. Sie weiß beispielsweise auch, wie sie sich in einem eventuellen Notfall verhalten muss. Wenn ein Kind aber etwa hörbehindert ist, muss die Familie nicht unbedingt medizinische Kenntnisse haben. Stattdessen sollten sie aber fähig und willens sein, die Gebärdensprache zu lernen.
REHACARE.de: Potenzielle Pflegefamilien müssen sich bei Ihnen einem standardisierten Bewerberverfahren unterziehen. Wie genau sieht das aus?
Eichhorn: Interessierte Familien müssen bei uns mehrere Seminare besuchen, eine ausführliche Biografie schreiben und etliche Formulare ausfüllen. Nach zusätzlichen persönlichen Gesprächen erstellen wir dann ein Profil der Familie. Darin wird festgehalten, was die Familie pflegerisch leisten kann und was nicht. Die Entscheidung über die Eignung einer Familie wird im Team unserer Fachkräfte gefällt.

Wenn das Kind endlich in die neue
Familie darf, beginnt ein neues
Leben; © Wavebreakmedia ltd/
panthermedia.net
REHACARE.de: Und wie kommt die Familie danach zum Pflegekind?
Eichhorn: Wenn wir eine Anfrage vom Jugendamt für die Vermittlung eines Kindes bekommen, überprüfen wir die Anforderungen, die für dieses Kind wichtig sind. Es kann sein, dass es in der Familie keine Haustiere geben darf oder aber dass ein sehr hoher Pflegebedarf aufgefangen werden muss. Haben wir eine passende Familie gefunden, stellen wir sie dem Jugendamt vor. Gibt dieses dann auch sein OK, sorgen wir dafür, dass sich die Familie und das Kind kennenlernen.
REHACARE.de: Wie lange dauert es dann noch, bis die Kinder in ihrer neuen Familie leben können?
Eichhorn: Oft ist es so, dass die Kinder direkt aus einem Krankenhaus oder aus Heimen vermittelt werden. Dann sind wir bemüht, dass das Kind möglichst bald in die familiäre Umgebung wechseln kann. Wenn ein Kind noch für den Übergang in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht ist, achten wir auf eine intensive Anbahnung mit der neuen Familie. Immerhin bestehen dann schon Bindungen für das Kind, aus denen man es nicht einfach von heute auf morgen rausreißen kann.
REHACARE.de: Auf diesem Weg konnten Sie bis jetzt 173 Kinder mit den unterschiedlichsten Behinderungen und Krankheiten in Pflegefamilien vermitteln. Begleiten Sie die Familien auch noch nach der Vermittlung?
Eichhorn: Ja, denn die Betreuung und Unterstützung ist der eigentliche Hauptteil unserer Arbeit. Im Schnitt kümmert sich eine Mitarbeiterin um zehn Familien. Das beinhaltet, dass sie einmal im Monat bei der Familie zu Hause ist. Sie kommt mit zu Arztbesuchen oder unterstützt bei Klinikaufenthalten. Es ist furchtbar belastend für die Eltern, wenn das Kind beispielsweise acht Stunden lang operiert wird, und sie nur warten können. Unsere Mitarbeiterin wartet dann mit den Eltern und unterstützt sie mental so gut sie kann. Zusätzlich vermitteln wir bei Bedarf auch an qualifizierte Fachdienste zur Reha- oder Traumaberatung.
Auch bei langen Wartezeiten beim
Arzt oder im Krankenhaus werden
die Familien unterstützt;
© Monkeybusiness Images/
panthermedia.net
REHACARE.de: Die Kinder haben oft komplexe Erkrankungen, die viel Pflegeaufwand bedeuten. Welche Möglichkeiten haben die Pflegeeltern, sich von dieser Belastung zu erholen?
Eichhorn: Es ist uns sehr wichtig, dass sie immer im Austausch mit anderen Pflegefamilien stehen. Deswegen organisieren wir regelmäßig Gruppentreffen, bei denen sie Netzwerke aufbauen, sich austauschen und gegenseitig Tipps geben können. Das hilft vielen, ihren Alltag besser zu bewältigen. Zusätzlich stehen ihnen aber auch unterschiedliche Formen der Auszeit zu.
REHACARE.de: Welche sind das?
Eichhorn: Alle Pflegeeltern haben ein Anrecht auf sechs freie Wochenenden im Jahr. Die Kinder werden in dieser Zeit dann in speziellen Freizeiteinrichtungen versorgt. Zusätzlich haben die Eltern einen Anspruch auf Urlaub ohne Kind. Einige nutzen das nie und verreisen immer mit ihrem Kind. Aber allein das Wissen, dass es möglich wäre, entlastet viele schon sehr. Die Dauer des Urlaubs ist vom Alter des Kindes abhängig. Eltern eines zwölfjährigen Jungen können diesen beispielsweise durchaus zwei bis vier Wochen lang in die Ferien schicken, wenn sein Gesundheitszustand das erlaubt.
REHACARE.de: Wie werden die ganzen Unterstützungsangebote überhaupt finanziert?
Eichhorn: Als gesetzliche Grundlage haben wir das SGB VIII, die Hilfen zur Erziehung von Kindern und Jugendlichen, sowie das SGB XII, die Eingliederungshilfe für behinderte Menschen. Die Finanzierung der Unterbringung in einer Pflegefamilie wird über Pflegesätze finanziert, die als Maßnahmen gemäß SGB VIII oder SGB XII angerechnet werden. Ob das Jugendamt oder das Sozialamt verantwortlich ist, wird von Fall zu Fall entschieden. Die konkrete Berechnung richtet sich dann individuell nach dem Grad der Behinderung oder Erkrankung sowie dem Umfang der Pflege.

Mit Humor und viel Lebenserfahrung
können auch ältere Paare gute
Pflegeeltern sein; © Monkeybusiness
Images/panthermedia.net
REHACARE.de: Gibt es Fälle oder Familien, deren Geschichte Sie besonders berührt hat?
Eichhorn: Wir haben da ein Ehepaar, das jetzt Mitte bis Ende 50 ist. Das ist in der Regel kein typisches Alter für Pflegeeltern. Aber wir hatten ein kleines Mädchen zu vermitteln, das von den Ärzten eine Lebenserwartung von nur zwei Jahren prognostiziert bekommen hatte. Da entschied sich das Ehepaar, dem Mädchen für sein kurzes Leben noch möglichst viel Liebe und Nestwärme zu geben. Und was soll ich sagen? Der Kleinen geht es so gut bei seinen Pflegeeltern, dass sie inzwischen schon fünf Jahre alt geworden ist. Aufgrund ihres Alters bekommen die Eltern von uns natürlich sehr viel qualifizierte Unterstützung, damit das Mädchen dort noch so lange wie möglich leben kann.
REHACARE.de: An welchen Stellen treten auch mal Probleme auf?
Eichhorn: Probleme gibt es eigentlich nur dann, wenn die Belastung von außen zu groß wird. Zum Beispiel wenn die Situation mit der Herkunftsfamilie unklar ist und diese das Kind zurückhaben will. So ein Fall geht dann natürlich vor Gericht und diese Verfahren sind für alle Beteiligten sehr belastend. Wir stellen den Familien für solche Fälle auch Anwälte zur Seite und unterstützen sie, so gut es geht. Zum Glück sind solche Gerichtsverfahren nicht der Regelfall.
Dieses Interview führte Nadine Lormis.
REHACARE.de












