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Unterstützte Kommunikation: Jeder Mensch hat was zu sagen

Unterstützte Kommunikation:

Jeder Mensch hat was zu sagen

02.04.2012

Am Unterricht teilnehmen, ohne zu sprechen? Unterstützte Kommunikation (UK) macht es möglich. Mit sogenannten Talkern können sich Kinder mit Sprachbehinderungen an der Hirtenweg Schule in Hamburg aktiv am Unterricht beteiligen. So bekommen sie die Chance, ein Stück weit wie alle Schüler zu sein – ein bisschen Normalität fernab der Außenseiterrolle.

 
 
Foto: Junge im Elektro-Rollstuhl mit Talker

Mit einem Talker können Schüler aktiv am Unterricht teilnehmen; © Schule Hirtenweg

Kommunikation ist ein fester Bestandteil unseres Lebens. Wenn wir etwas sagen oder unsere Gedanken und Gefühle ausdrücken möchten, sprechen wir einfach drauf los. Jedoch ist die Möglichkeit zu kommunizieren nicht für jeden selbstverständlich. Menschen, die sich nicht mithilfe der Laut- oder Körpersprache verständigen können, haben oft Schwierigkeiten im privaten und beruflichen Leben. Unterstützte Kommunikation kann ihnen aber dabei helfen, sich als ein Teil der Gesellschaft zu empfinden.

Es gibt drei verschiedene Arten der Unterstützten Kommunikation (UK): Gebärden und körpereigene Kommunikation, nicht-elektronische Kommunikationsformen, wie zum Beispiel Symbole, und elektronische Sprachausgabegeräte. Dank UK können Menschen, die sich aufgrund ihrer Behinderung sprachlich nur schwer oder gar nicht verständigen können, ihre Bedürfnisse, Sorgen und Gedanken anderen mitteilen.

UK macht Schule

An der Schule für Körperbehinderte Hirtenweg in Hamburg ist UK ein großes Thema. 35 von den insgesamt 200 Schülern nutzen verschiedene Formen der UK: „Jedes der 35 Kinder hat einen zuständigen Pädagogen, der sich um die Entwicklung und Beratung des Schülers mit UK kümmert“, sagt die Sonderpädagogin Brigitte Hoffmann-Schöneich. Die Lehrer der Schule Hirtenweg arbeiten vor allem mit Symbolen und elektronischen Kommunikationshilfen, da die meisten Kinder hauptsächlich motorische Behinderungen haben und nicht mit Gebärden oder Gestik kommunizieren können.

Die mit UK geförderten Kinder nehmen fünf Mal pro Woche aktiv am Unterricht teil und sind auf 20 Klassen verteilt. Außerdem treffen sie sich regelmäßig in kleinen Gruppen und tauschen ihre Erfahrungen aus. „Wir beziehen die Kinder aktiv in den Unterricht ein. Wie es auch in einer gewöhnlichen Schule ist, müssen sie Fragen beantworten und für sie geeignete Aufgaben erledigen. Sie sind ein Teil der Klasse und fühlen sich auch so“, erklärt Hoffmann-Schöneich.

 
 
Foto: Junge und Mädchen in Elektro-Rollstühlen

Die Schule Hirtenweg besuchen hauptsächlich Kinder mit motorischen Beeinträchtigungen. Ein Teil von ihnen nutzt UK; © Schule Hirtenweg

Die Lehrer passen die Aufgaben an die Fähigkeiten der Unterstützt Kommunizierenden Kinder an. Diejenigen von ihnen, die schon länger mit einem Sprachausgabegerät arbeiten, können mit ihm in der Regel besser und schneller umgehen. Die Schüler erzählen dann in ganzen Sätzen von ihrer Familie oder davon, was sie in den Ferien erlebt haben. Diejenigen Kinder, die erst anfangen, mit einem sogenannten Talker zu kommunizieren, sprechen zunächst in Stichworten oder kurzen Aussagen. „Es ist als wenn wir einem kleinen Kind das Sprechen beibringen würden. Im Laufe der Zeit lernen unsere Schüler, je nach ihren Möglichkeiten, ihre Sprachhilfen immer besser zu bedienen. Häufig sogar so gut, dass sie ganz normal erzählen und diskutieren können“, erzählt die Sonderpädagogin.

Eltern fragen, Lehrer antworten

Seit 1990 verfügt die Hamburger Schule außerdem über eine Beratungsstelle für UK. Eltern, die ihr Kind an der Schule einschreiben möchten, werden von den Lehrern und Erziehern individuell beraten. Je nachdem, welche Art von Behinderung bei dem Kind vorliegt und welche kommunikativen Fähigkeiten es bisher erworben hat, benötigt es ein bestimmtes Sprachausgabegerät. Die Hirtenweg-Schule verfügt über verschiedene Arbeitsmittel, welche die neuaufgenommenen Kinder ausprobieren können: von einfachen Geräten mit nur einer Taste bis hin zu komplexen Talkern. Die Eltern oder Lehrer nehmen bestimmte Wörter oder ganze Sätze auf den elektronischen Helfern auf. Die Kinder können dann die Aussagen per Knopfdruck mit dem Finger, Fuß oder durch Bewegung der Augen abspielen und sich damit äußern. Wenn sie einen für ihr Kind optimalen Helfer gefunden haben, können die Eltern einen Antrag für das Gerät bei ihrer Krankenkasse einreichen, welche die Kosten in der Regel übernimmt.

UK erleichtert aber nicht nur Kindern mit Behinderungen das Leben in unserer von Kommunikation geprägten Gesellschaft. Auch erwachsene Menschen, die zum Beispiel aufgrund eines Unfalls oder Schlaganfalls nicht mehr in der Lage sind, sich durch Lautsprache zu verständigen, brauchen UK. Mithilfe von Gebärden, Symbolen oder elektronischen Sprachausgabegeräten können sie aktiv am Leben teilnehmen.

 
 

UK geht um die Welt

Mittlerweile gibt es weltweit zahlreiche Informations- und Beratungsstellen, die sich auf UK und ihre verschiedene Zielgruppen spezialisiert haben. Auch in Deutschland ist dieses Thema nichts Neues. Zu internationalen Organisationen, die über UK informieren und beraten, gehört unter anderem die International Society for Augmentative and Alternative Communication (ISAAC). Die ISAAC-Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation ist ein globales Netzwerk aus Wissenschaftlern, Therapeuten, Lehrern, aber auch Betroffenen und ihren Angehörigen. Der Verein fördert Kommunikationsmöglichkeiten nicht nur für Kinder, sondern auch für Jugendliche und Erwachsene, die sich nicht über die Lautsprache mitteilen können.

Die Gesellschaft hat 2300 Mitglieder und engagiert sich in 43 Ländern auf der ganzen Welt für UK. "Ziel von ISAAC ist es, die Belange Unterstützt Kommunizierender Menschen in der Öffentlichkeit zu verbreiten und den Blickwinkel für sie zu verändern", sagt Wolfgang Breul, Vorstandsmitglied der deutschsprachigen Abteilung ISAAC GSC. Eine der Hauptangelegenheiten ist es, die Nutzer der UK an für sie geeignete Arbeitsstellen zu vermitteln. "Unser großes Vorzeigebeispiel ist eine Unterstützt Kommunizierende junge Frau, welche bereits als ISAAC-Vorstandsmitglied tätig war und heute mithilfe von UK an einer Universität studiert."

Neben der Arbeitsvermittlung bietet ISAAC auch Informationen für Betroffene, ihre Angehörige sowie Menschen, die beruflich an UK interessiert sind. Außerdem organisiert der Verein Weiterbildungen für Lehrer und Erzieher. Die Teilnehmer können sowohl Einführungs- als auch Aufbaukurse belegen und haben die Möglichkeit, ein Zertifikat zu erwerben. Je mehr qualifiziertes Personal sich mit UK auskennt, desto mehr Menschen mit Behinderungen kann geholfen werden.

Kommunikation gibt uns das Gefühl, irgendwo dazu zu gehören. Ob Familie, Freundeskreis oder Arbeitskollegen – wir möchten ein Teil der Gemeinschaft sein. Durch Kommunikation drücken sich Menschen aus, entwickeln ihre Persönlichkeit und haben Einfluss auf andere. Unterstützte Kommunikation ermöglicht es auch denjenigen, die auf den ersten Blick nur still an ihrem Leben teilzunehmen scheinen. Denn, wie einst Christoph Leyendecker, Professor für Rehabilitationspädagogik an der Technischen Universität Dortmund, sagte: „Auch wer nicht sprechen kann, hat viel zu sagen“.

Michalina Chrzanowska
REHACARE.de

 
 

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